Warum funktionieren korrigierende Übungen nicht?

Warum funktionieren korrigierende Übungen nicht?

Hast auch du Kunden, die bei Kniebeugen einen starken Knievalgus haben? Und bei denen trotz jeder Menge Minibandübungen bzw. der Aktivierung der Gluteal­muskulatur einfach keine Verbesserung festzustellen ist?

Oftmals ist diesen Kunden vermeintlich nicht zu helfen oder wir nehmen an, sie verbrächten so viel Zeit in „schlechten“ Körperpositionen, dass eine Trainingsintervention ein paar Mal in der Woche einfach nicht ausreiche, um eine Verbesserung zu bewirken. Was ist aber, wenn wir bisher einfach nicht alle Faktoren berücksichtigt haben? Was ist, wenn wir einfach nicht das Richtige gemacht haben, um eine Veränderung erzielen zu können?

Wie funktioniert Bewegung?

Die ganze Fitnessszene redet aktuell davon, dass wir statt einzelner Muskeln in ganzheitlichen Bewegungsmustern trainieren sollen. Aber wie funktioniert eigentlich noch einmal Bewegung?
Eine zentrale Rolle spielt dabei unser Gehirn, denn hier werden alle Bewegungsentscheidungen getroffen. Das Gehirn erfüllt grundsätzlich eine Hauptaufgabe: Es sichert unser Überleben. Dazu wird jede Sekunde eine Unmenge aus Daten ausgewertet, die das Gehirn aus den Sinnesorganen erreichen. Dabei versucht es auf der Basis von Mustererkennung und Vorausberechnung, potenzielle Gefahren zu identifizieren. Bewegung ist dabei das „Endprodukt“, welches als Reaktion auf die ausgewerteten Informationen aus den Sinnesorganen zu verstehen ist. Um es mit einem Bild zu beschreiben: Als Firmenchef brauche ich Daten, um die Performance meines Unternehmens bewerten zu können und entsprechend zu handeln. Wenn die Daten über mein Unternehmen qualitativ schlecht sind, besteht die Möglichkeit, dass man entsprechend schlechte Entscheidungen trifft. Ähnlich verhält es sich bei Bewegung: Wenn ein Sinnesorgan nicht gut funktioniert (z.B. die Augen oder die Gleichgewichtsorgane), ist es sehr wahrscheinlich, das auf Basis dieser fehlerhaften Daten ein schlechter motorisches Output kreiert wird.

Idealerweise wird jede körperliche Übung mit einem spezifischen Stimulus der Sinnesorgane verbunden. Fotos: BravoSport/NicoleMüller

Idealerweise wird jede körperliche Übung mit einem
spezifischen Stimulus der Sinnesorgane verbunden. Fotos: BravoSport/NicoleMüller

Fokus auf den Output

Ein häufiges Problem, wenn wir mit Kunden trainieren, kann also sein, dass die Bewegung im Vordergrund steht – was ja auch eigentlich auch unserem Job als Trainer entspricht! Wir fokussieren uns also immer auf den Output und wirklich selten und vielleicht auch nur als „Nebenprodukt“ bzw. zufällig auf den Input. Zwar führt Bewegung natürlich auch dazu, dass unser Gehirn Input erhält – allerdings hauptsächlich propriozeptiven Input und zu wenig zielgerichtet.

Hier haben wir die Antwort auf die zu Beginn gestellte Frage, warum korrigierende Übungen nicht funktionieren: Wenn das Problem darin liegt, dass der Input fehlerhaft ist, können wir mit einem Output keine Korrektur erzielen!

In der Neurologie werden drei Bereiche unterschieden:

  • Interozeption
    Unser Gehirn erhält permanent einen Statusbericht über alle Vorgänge, die in unserem Körperinneren ablaufen: z.B. ob mein Blutzuckerspiegel ausreicht, um jetzt im Moment und in den kommenden Stunden überleben zu können. Ist dieses Überleben gefährdet, muss ich mein Verhalten (durch Bewegung) anpassen: die Atemfrequenz steigern, das Tempo im Ausdauertraining verringern oder zum Kühlschrank gehen und etwas essen.
  • Exterozeption
    Hierunter versteht man die Wahrnehmung von Reizen, die von außerhalb unseres Körpers kommen, z.B. mittels Ohren, Augen, Nase, Geschmackssinn, Tastsinn.
  • Propriozeption
    Hierbei handelt es sich um die Wahrnehmung von Körperbewegung und -lage im Raum.
Die Reaktion auf einen sportspezifisches Stimulus kann trainiert werden. Fotos: BravoSport/NicoleMüller

Die Reaktion auf einen sportspezifisches Stimulus kann trainiert werden. Fotos: BravoSport/NicoleMüller

Was sind die häufigsten Fehlhaltungen?

Die häufigsten Fehlhaltungen sind mit Innenrotation und Flexion verbunden. Das liegt nicht nur daran, dass wir viele Stunden pro Tag im Sitzen verbringen. In der Verhaltenspsychologie wird der Begriff des „Schreckreflexes“ erklärt. Als Reaktion auf einen starken externen Reiz (lautes Geräusch, Lichtblitz oder Ähnliches) erfolgt eine Innenrotation und Flexion, um überlebensnotwendige Stellen wie die Kehle, die Augen, die inneren Organe oder die Genitalien zu schützen. Der für uns wichtige Zusammenhang: Wenn eines unserer Sinnesorgane nicht richtig funktioniert, wird der Schreckreflex verstärkt. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, wenn „nur“ Stretching, Mobilisierung oder Kräftigung keine Veränderung der Körperhaltung zur Folge hat.

Sinnesorgane trainieren

Es kann der richtige Weg für eine Haltungskorrektur sein, wenn wir beispielsweise die Augen, die Gleichgewichtsorgane oder den Geruchssinn unserer Kunden „trainieren“. Es ist unglaublich schwer, konkrete Beispiele für das Training von Sinnesorganen wie Augen und Gleichgewichtsorganen zu geben, da die ausgeübten Funktionen sehr komplex sind und die Dysfunktionen bei Kunden entsprechend vielfältig sein können. Einfach zu trainieren hingegen ist unser Geruchssinn. Z.B. kann mit der Verwendung von Duftölen bei geschlossenen Augen sehr einfach getestet und später auch ggfs. trainiert werden, ob die Geruchswahrnehmung über das linke und rechte Nasenloch gleich gut ist und ob ein Duft identifiziert werden kann. Studien zufolge soll sich ein fehlerhafter Geruchsinn negativ auf die Fähigkeit auswirken, genau zu fühlen, was im Körperinneren passiert (Interozeption). Und es lässt sich ein eindeutiger Zusammenhang zwischen diversen Essstörungen (inklusive Adipositas) und einer fehlerhaften Interozeption herstellen. Mit anderen Worten: Bei jedem Kunden, der eine Ernährungsberatung erhält, sollte auch der Geruchssinn getestet und bei einer festgestellten Dysfunktion dieser trainiert werden.

Geschrieben von
Niko Romm | Geschäftsführer von Valeo Personal Training in Bonn: Personal Training, Firmenfitness, Workshops und Seminare; Mitgründer und Head of Education der Firma Letsbands, Performance Education Specialist bei EXOS.  www.letsbands.com; www.valeostudio.de


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