Pilates Reformer auf Rezept

Pilates Reformer auf Rezept

 Ja, das geht.

Alexander Bohlander, Physiotherapeut, Osteopath und Heilpraktiker hat die Zulassung der Zertifikatsleistung KG-Gerät unter Einbeziehung des Pilates Reformer von den zuständigen Zulassungsstellen der Krankenkassen Bereich Nordrhein erhalten. THERA-BIZ unterhielt sich mit dem Pilates-Buchautor und Inhaber des Pilates-Studio Springs in Köln über diese Neuerung.

Am Pilates Reformer trainiert der Kunde die tieferliegende Muskulatur über rollende Sitz- wie Liegeflächen und Seilzug. Es geht vor allem um ein Training von Kraft, Beweglichkeit, Balance und Koordination. Physiotherapeuten integrierten bisher das Pilatestraining auf der Matte oder am Reformer als Kurse in Kleingruppen in ihr Angebot als Selbstzahlerleistung. Die Kurse wurden – wenn bestimmte Kriterien aufseiten des Anbieters und des Kursbesuchers erfüllt worden waren – als Präventionsleistung von den Kassen bezuschusst, doch in der Therapie selbst war das Gerätetraining als Kassenleistung ausgenommen. Mit der jetzigen Zulassung gewinnt die Zertifikatsleistung KG-Gerät wieder, nach Ansicht von Alexander Bohlander, an Attraktivität. Zudem leistet es einen Beitrag, ehemalige Patienten als Kunden in den Selbstzahlerbereich zu transferieren.

THERA-BIZ: Wie kamen Sie auf die Idee, die Zertifikatsleistung KG-Gerät mit dem Pilates Reformer kombinieren zu wollen?

Alexander Bohlander: Seit vielen Jahren arbeiteten wir erfolgreich in der Therapie mit dem Pilates Reformer, allerdings oft als Privatleistung oder in Zusammenhang mit Physiotherapie als unterstützendes Medium ohne entsprechenden finanziellen Ausgleich für diese besonders hilfreiche Geräteausstattung. Uns war klar, dass der Reformer das komplette Anforderungsprofil erfüllt, aber bisher wurde nicht der formelle Vergleich mit den herkömmlichen Trainingsgeräten angestrebt. Mir persönlich war als Pilates-Ausbilder aufgrund meiner langjährigen Erfahrung bewusst, dass eine wirklich funktionelle Trainingstherapie mit dem heutigen Wissensstand nur unzureichend durch die gebräuchlichen Trainingsgeräte, wie sie bei der bisherigen Zulassung vorgeschrieben waren, möglich ist. Es wurde aus meiner Sicht dringend notwendig, die aktuellen Erkenntnisse anerkannter Sportwissenschaftler und Therapeuten auch in der Geräteausstattung von KG-Gerät widerzuspiegeln. Themen wie segmentale Stabilität, neuromuskuläre Bahnung, Achsen- und Kettensteuerung des ganzen Körpers sind heute zwingend zu berücksichtigen und auch bei der Erbringung von KG-Gerät umzusetzen. Diese Qualitäten sind allerdings in meinen Augen kaum auf den gängigen Geräten zu leisten.

Wie läuft die Abrechnung mit den Krankenkassen?

Die Verordnung des Arztes umfasst meist 6 x KG-Gerät mit bis zu drei Rezepten in Folge. Die Leistungen werden in Kleingruppen unter Supervision durch den qualifizierten Therapeuten erbracht. Danach werden die Pilates Reformer auf Rezept? Mal etwas anderes THERA-BIZ 4-2016 7 Leistungen direkt oder über ein Abrechnungszentrum auf dem üblichen Weg erstattet.

Alexander Bohlander, Physiotherapeut, Osteopath und Heilpraktiker

Alexander Bohlander, Physiotherapeut, Osteopath und Heilpraktiker

Wie lange haben Sie an der Zulassung gearbeitet?

Ungefähr ein Jahr. Anfang 2016 erhielten wir die Zulassung. Durch die Erweiterung einer bestehenden und Neugründung einer weiteren Einrichtung hatten wir das alles vorbereitet. Parallel hatten wir in Zusammenarbeit mit der Hochschule Fresenius 2014 eine wissenschaftliche Studie zum Thema „Effekte des Pilatestrainings auf dem Reformer bei chronischen Rückenschmerzen“ angestoßen. Die Ergebnisse liegen seit März 2016 vor und sind eindeutig positiv. Sie beweisen, dass es wesentliche Verbesserungen durch das Training auf dem Reformer gibt. Zurzeit planen wir zusammen mit der Hochschule die Veröffentlichung und Präsentation dieser Studienergebnisse.

Wie sind Sie vorgegangen, welche Unterstützung haben Sie erfahren?

Ein Vertriebspartner für Pilates-Geräte folgte unseren Hinweisen zur Spezifizierung der Reformer analog zu herkömmlichen Trainingsgeräten. Ein leitender Mitarbeiter einer der Praxen verfasste eine konzeptionelle Anpassung der Pilates-Übungsreihen im Sinne der klassischen Trainingstherapie. Die vielfach höhere Funktionalität der Pilates-Geräte und der -Übungsreihen in der medizinischen Anwendung nach operativen Eingriffen, Unfällen und als Prävention vor Wiederverletzung ist überzeugend und eindeutig.

Was sollten andere Praxisinhaber beachten, wenn Sie diesen Weg einschlagen wollen?

Bereits vorhandene, für die ursprüngliche Zulassung der Praxis definierte Räumlichkeiten können nicht zur Zulassung KG-Gerät genutzt werden. Hier kann unter Umständen eine kleine Erweiterung der Räume die Grundlage bilden. Aus meiner Sicht bietet es sich also primär bei der Neuzulassung einer Praxis oder nach einem Umzug bzw. einer Erweiterung an, diesen Weg zu gehen. Überlegt ein Therapeut allerdings, KG-Gerät zu beantragen und herkömmliche Trainingsgeräte anzuschaffen, sollte er die Umsetzung unseres Konzeptes in Erwägung ziehen, denn damit erhalten Therapeuten nicht nur den Zugang zur Abrechnung mit den Krankenkassen, sondern auch einen sehr stabilen Zugang zum Selbstzahlermarkt.

Stellen Sie bitte einmal dar, wie Sie damit die Selbstzahlerleistung aufbauen?

Alle, wirklich alle Patienten spüren und erleben die Qualität des Trainings auf dem Reformer als unvergleichbar besser als mit allen anderen, bisher erlebten Trainingsgeräten. Dadurch kommen bereits während der ersten Einheiten Fragen der Patienten auf, wie sie das Training nach dem Abschluss der Krankenkassenmaßnahme weiterführen können. Es ist ein leichtes, durch entsprechende Angebote einen Übergang vom Patienten zum Selbstzahlerkunden zu schaffen. Die Kunden führen dann entweder das Reformer-Training in Kleingruppen weiter oder besuchen einen unserer zahlreichen Pilates-Gruppenkurse, auch auf der Matte.

Wie setzen Sie den Pilates Reformer ein?

Wir bieten zurzeit in unseren Zentren in Köln und Umgebung, die alle eine eine Synergie aus Pilatestraining und intelligenter Therapie anbieten, 80 Gruppenkurse pro Woche an verschiedenen Standorten an. Ungefähr die Hälfte davon sind Reformer- Kurse mit bis zu 14 Teilnehmern. Unsere Erfahrung ist durchweg sehr positiv und wir sind überzeugt, dass das Konzept sicher und nachhaltig wirksam ist.

Wie wird das von Patienten in der Praxis aufgenommen?

Überaus positiv und begeistert, denn wir bieten dadurch etwas sehr Motivierendes und Besonderes. Ein klares Unterscheidungsmerkmal zu anderen Praxen und insbesondere Fitnesszentren mit sogenanntem „medizinischen“ Training oder etwa auch Rehasport.

Konnten Sie feststellen, wie viele Patienten zu Kunden im Selbstzahlerbereich wurden?

Der Trainingsbereich erhält ca. 40 Prozent seiner Kunden durch den Übergang von der Praxis in das Pilatestraining.

Eine persönliche Frage. Sie sind Physiotherapeut und Praxisinhaber in Dormagen, in Erftstadt und gründeten Springs in Köln. Das liegt alles nicht gleich um die Ecke – wie schaffen Sie das?

Durch meine sechs Standorte kann ich einerseits die vielfältige Akzeptanz von Seiten kooperierender Ärzte und Partner-Praxen erleben und durch die unterschiedlichen Einzugsbereiche und Teams werden viele Facetten des Konzeptes sichtbar. Ich persönlich genieße die Vielfalt und den Netzwerk- Charakter, denn ich möchte etwas in der Gesundheitslandschaft in Deutschland bewegen und verändern. Mein Team von Leitungs- und Funktionsträgern setzt die Konzepte um und entlastet mich dadurch in der täglichen Arbeit, so dass ich tatsächlich noch ca. 60 Prozent meiner Arbeitszeit am Patienten bzw. Kunden verbringe. Dort erlebe ich eindrücklich, dass wir in die richtige Richtung denken und handeln.

Worin sehen Sie Ihr Erfolgsgeheimnis?

Durch die Veränderungen und Krisen des Gesundheitssystems in Deutschland und insbesondere aufgrund der massiven Veränderung der Rolle der Physiotherapie entstanden Chancen und wurden notwendige Prozesse des Umdenkens angestoßen. Diese haben wir genutzt und inhaltlich positiv wie wirtschaftlich umgesetzt.

Worin liegt das Besondere in Ihrem Konzept?

Ganzheitlichkeit ist heute ein etwas überdehnter Begriff – ich verstehe ihn allerdings immer noch als eine Betrachtung und Nutzung aller Potenziale des Menschen, der mit oder ohne Beschwerden seinen Lebensweg beschreitet. Unser Konzept will die Facetten der Einheit Körper-Seele unterstützen, die für ein nachhaltiges Gleichgewicht als Grundlage der Gesundheit zur Verfügung stehen. Bewegung ist dabei ein sehr wesentliches Element und deshalb ist es ein elementarer Aspekt unseres Konzeptes, intelligentes Training und intelligente Therapie zu verbinden.

Wie wird die Zukunft aussehen? Wie wird es weitergehen?

Wir arbeiten zurzeit an zusätzlichen Zulassungen mit Praxen, die die Verbreitung des Pilatestrainings in den therapeutischen Bereich unterstützen möchten. Jede weitere Zulassung wird einerseits Belegfälle schaffen für die bundesweite Standardisierung, andererseits wird dadurch die Anwendung in der täglichen Praxis den überlegenen Erfolg der Pilates-Geräte bestätigen.

Wir wünschen Ihnen viel Erfolg! Danke für das Gespräch.

Das Interview führte Reinhild Karasek. THERA-BIZ Checkliste Einsatz des Pilates Reformer Einzeltraining, Analyse und spezifische Trainingssteuerung Zirkeltraining und teilweise freies Training nach Einweisung Gruppentraining (bis zu 14 Teilnehmern) Gesundheits-Abo (wöchentlicher Termin zur Erweiterung der gesunden Ressourcen) Anerkannte Präventions-Kurse nach § 20 KG-Gerät Im Trainings-Bereich Im therapeutischen Teil der Einrichtungen BUCHTIPP Das Pilates-Lehrbuch. Matten- und Geräteübungen für Prävention und Rehabilitation. Verena Geweniger, Alexander Bohlander, Springer, 2016

 


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