Kompressionskleidung: Booster oder Accessoire?

Kompressionskleidung: Booster oder Accessoire?

Für viele Freizeitsportler und Profiathleten gehören die eng anliegenden Textilien in den verschiedensten stylishen Formen und Farben genauso zu ihrem Training wie ihre Sportschuhe. Dr. Florian Engel und Stefan Altmann haben untersucht, inwieweit Kompressionskleidung leistungsfähiger macht und zur besseren Regeneration beiträgt.

Ursprünglich stammt die Kompressionskleidung aus der Medizin. Dort wurde die Kleidung, die das Gewebe der unteren Extremitäten durch mechanischen Druck von außen nach innen komprimiert, entwickelt, um chronische Veneninsuffizienz, Lymphödeme und Venenthrombosen zu behandeln. Zu Beginn der Nullerjahre fanden die meist in biederem Beige gehaltenen „Thrombosestrümpfe“ ihren Weg in die Welt des Sports und wurden rasch von Sportartikelherstellern modisch designt und vermarktet. Im medizinischen Bereich ist die Wirksamkeit der Kompressionskleidung unbestritten.

 

Leistungsfähiger durch Kompression?

Relevante wissenschaftliche Studien bieten nur wenige Anhaltspunkte dafür, dass Kompressionskleidung die körperliche Leistungsfähigkeit wesentlich verbessern kann. Eine aktuelle, am Institut für Sport und Sportwissenschaft des Karlsruher Instituts für Technologie angefertigte Übersichtsarbeit1 zeigt, dass Kompressionskleidung auf Kraft und Ausdauer entweder nur einen äußerst geringen oder gar keinen Einfluss hat. Allerdings zeigen die analysierten Studien auch keinerlei negative Effekte auf Leistung und Befinden. Immerhin zeigen einige Studien einen geringen positiven Einfluss der Kompressionskleidung bei intensiven Intervallbelastungen, wie zum Beispiel beim Sprint-Intervalltraining² und bei wiederholten Sprüngen³.

 


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Weniger Muskelkater durch Kompression

Den meisten Studien zufolge empfinden die Sportler das Tragen der eng anliegenden Kleidung als sehr angenehm. Das Anstrengungsempfinden während Laufbelastungen sowie der Muskelschmerz nach dem Laufen sind stark reduziert, wenn während und/oder nach dem Laufen Kompressionskleidung getragen wurde¹. „Durch intensives Training entstehen kleine Mikroverletzungen der Muskulatur, aus denen Schwellungen entstehen, die anschließend Schmerzen verursachen – der sogenannte Muskelkater.

Die Theorie dahinter ist, dass das Tragen von Kompressionskleidung diese Mikroverletzungen reduziert sowie die nachfolgenden Schwellungen schneller beseitigt und so zu geringerem Muskelkater führt“, sagt Dr. Jessica Hill, Sportwissenschaftlerin an der St Mary’s University, London. Dr. Hill zeigte in ihrer umfassenden Metaanalyse, dass das Tragen von Kompressionskleidung während und nach unterschiedlichen intensiven sportlichen Belastungen zu eindeutig reduziertem Muskelschmerz, weniger Kreatinkinase (ein Enzym, welches Aufschluss über die Anzahl von Mikrotraumata in der Muskulatur gibt) und einem geringerem Level von Entzündungsparametern sowie einer schnelleren Regeneration von Kraft und Sprungkraft führt4.

 

Bessere Bewegungspräzision und Verletzungsprophylaxe

Bei Baseball- bzw. Golfspielern konnte das Tragen eines Langarmshirts mit Kompression die Wurfpräzision bzw. die Präzision der Golfschläge verbessern7. Eine weitere Studie zeigte, dass sich bei Athletinnen die posturale Stabilität im Einbeinstand mit geschlossenen Augen mithilfe von Kompressionskleidung verbesserte8. Vermutlich erhalten die Sportler durch den Kompressionsdruck auf der Haut und den Muskelbauch zusätzliche Informationen über die genaue Position des Körpers im Raum. Dieser Vorteil kann für besseres Bewegungslernen und zur Verletzungsprophylaxe im Sport genutzt werden.

 


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Gegebenenfalls weniger Trainingseffekt

Nachteile durch das Tragen von Kompressionskleidung sind bisher keine identifiziert worden. Jedoch ist das individuelle Ziel des Sportlers dafür ausschlaggebend, ob und wann das Tragen von Kompressionskleidung sinnvoll ist. Beim Erlernen von neuen Bewegungen oder um das Verletzungsrisiko (z. B. durch Umknicken) zu minimieren, kann es sinnvoll sein, Kompressionskleidung zu tragen. Wenn das Ziel jedoch die Maximierung der Anpassungserscheinungen an das Training ist, kann es eventuell sogar kontraproduktiv sein, Kompressionskleidung zu tragen: Der vorher beschriebene Effekt der Kompressionskleidung, die Mikroverletzungen der Muskulatur zu reduzieren, kann auch den Trainingseffekt einschränken. Der Grund hierfür ist, dass diese Mikroverletzungen der beim Sport beanspruchten Muskulatur einen Faktor darstellen, der durch die anschließende Regeneration zu Leistungsverbesserungen führt – getreu dem Motto „No pain – no gain!“. Jedoch wird dieser Effekt der Reduktion der Anpassungserscheinung – wenn überhaupt vorhanden – recht klein sein und bedarf noch einer wissenschaftlichen Überprüfung.

 

Fazit

Ob Kompressionskleidung sinnvoll ist oder nicht, hängt vom Trainingsziel ab. Wenn neue, komplexe Bewegungsmuster erlernt werden sollen, kann diese Kleidung hilfreich sein. Wenn jedoch das Ziel eine Hypertrophie oder andere Anpassungen des Muskels sind, kann Kompressionskleidung den Trainingseffekt unter Umsänden sogar reduzieren. Eine Verbesserung von Ausdauer oder Kraft bewirkt die Kleidung kaum, jedoch ist das Beanspruchungsempfinden während des Sports reduziert. In der Unterstützung der Regenerationsphase liegt das wahre Potenzial der Kompressionskleidung: Hier profitieren die Sportler von reduziertem Muskelschmerz, weniger Muskeltraumata und schnellerer Wiederherstellung von Kraft und Ausdauer, gerade auch nach Wettkämpfen.

 

Quellen:

¹ Engel F, Holmberg HC, Sperlich B. (2016). Is There Evidence that Runners can Benefit from Wearing Compression Clothing? Sports Medicine. 46(12):1939–1952.
² Born DP, Holmberg HC, Goernert F, Sperlich B. (2014). A novel compression garment with adhesive silicone stripes improves repeated sprint performance – a multi-experimental approach on the underlying mechanisms. BMC Sports Science, Medicine and Rehabilitation 30;6:21.
³ Rugg S, Sternlicht E. (2013). The effect of graduated compression tights, compared with running shorts, on counter movement jump performance before and after submaximal running. Journal of Strength and Conditioning Research. 27(4):1067–73.
⁴ Hill J, Howatson G, van Someren K, Leeder J, Pedlar C. (2014). Compression garments and recovery from exercise-induced muscle damage: a meta-analysis. British Journal of Sports Medicine. 48(18):1340–6.
⁵ Brophy-Williams N, Driller MW, Kitic CM, Fell JW, Halson SL (2016). Effect of Compression Socks Worn Between Repeated Maximal Running Bouts. International Journal of Sports Physiology and Performance. Sep 15:1-22. [Epub ahead of print].
⁶ Hamlin MJ, Mitchell CJ, Ward FD, Draper N, Shearman JP, Kimber NE (2012). Effect of com-pression garments on short-term recovery of repeated sprint and 3-km running performance in rugby union players. Journal of Strength and Conditioning Research. 26(11), 2975–2982.
⁷ Hooper DR, Dulkis LL, Secola PJ, Holtzum G, Harper SP, Kalkowski RJ, et al. (2015). The Roles of an Upper Body Compression Garment on Athletic Performances. Journal of Strength and Conditioning Research. 29(9):2655–60.
⁸ Michael JS, Dogramaci SN, Steel KA, Graham KS. (2014). What is the effect of compression garments on a balance task in female athletes? Gait & Posture. Feb;39(2):804–9.

 

Den Artikel findest du im Trainer-Magazin 3/17, geschrieben von:
Dr. Florian Engel | Der Autor ist Postdoc am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören das hochintensive Intervalltraining sowie die Wirkung von Kompressionsbekleidung auf Leistung und Regeneration im Sport.
Stefan Altmann | Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sport und Sportwissenschaft des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Thema „Schnelligkeits- und Ausdauerdiagnostik im Profifußball“. www.sport.kit.edu/Dienstleistung_Leistungsdiagnostik

 


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