Kann man Leistung durch Energieimpulse steigern?

Kann man Leistung durch Energieimpulse steigern?

Neurostimulation

Seit den Olympischen Spielen von Rio ertönt aus den Kopfhörern von Athleten immer häufiger nicht nur Musik. Wie du die Leistungsfähigkeit deiner Trainierenden durch Neurostimulation verbessern kannst, erklärt Nick Sinanan.

Energieimpulse aus einem kopfhörerähnlichen Wearable können die Leistung der Sportler steigern. Das Gerät appliziert über Elektroden am Kopf kleine elektrische Ströme, die die Erregbarkeit von Motoneuronen verstärken. Das Verfahren wird genauso wie die Stimulation des Moto(r)cortex (transcranial direct-current stimulation, tDCS) im klinischen Bereich schon seit dem Jahr 2000 erfolgreich bei Patienten angewendet, die zum Beispiel unter chronischen Schmerzen, Epilepsie oder Morbus Parkinson leiden. Wissenschaftliche Langzeitstudien renommierter Institute bei der Anwendung im Sport fehlen jedoch noch. Was sind nun aber die energetischen, strukturellen und funktionellen Voraussetzungen, wenn es um (Bewegungs-)Lernen in Training und Therapie geht?

„Brain Food“

Musik in synchronisierter Geschwindigkeit fördert die Sprung- und Explosivkraft von Athleten. Fotos: Haloneuro.com

Musik in synchronisierter Geschwindigkeit fördert die Sprung- und Explosivkraft von Athleten. Fotos: Haloneuro.com

Als Grundvoraussetzung steht fest: Unser Gehirn benötigt etwa 140 Gramm Glukose pro Tag; diese stammt entweder aus unserer Nahrung oder wird in der Leber aus körpereigenem Protein synthetisiert. Studien aus dem Bereich neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson belegen, dass beispielsweise intermittierendes Fasten an zwei Tagen pro Woche die Gedächtnisleistung verbessert und die Stimmung hebt. Da in den Phasen ohne Nahrung nach etwa 12 Stunden Glykogen fehlt, werden Fette verstoffwechselt. Dabei entstehen die sogenannten Ketonkörper, die wiederum von Nervenzellen im Gehirn als Brennstoff verwendet werden. Bei Experimenten mit Mäusen wurde nachgewiesen, dass sich Ketone positiv auf deren kognitiven Fähigkeiten und auch auf Kraft und Ausdauer auswirkten.

Glücklicherweise haben Sport und harte körperliche Arbeit die gleiche Wirkung auf die Glukosemenge: Der Sportler kann auch ohne zu fasten seine kognitive Leitungsfähigkeit steigern. Das bedeutet, dass bei besonders komplexen taktik- beziehungsweise technikgeprägten Sportarten wie beispielsweise American Football oder innerhalb eines längeren Turniers wie einer Fußballweltmeisterschaft bereits durch das richtige Timing der Mahlzeiten und der mentalen wie physischen Voraktivierung der Grundstein zum Erfolg gelegt werden kann.

Musik als legales Mittel zur Leistungssteigerung

Viele Arten menschlicher Bewegung sind rhythmischer Natur und der Rhythmus der Musik wird über das Gehirn im Körper reproduziert. Seit fast zwanzig Jahren beschäftigen sich Forscher wie der Sportpsychologe Costas Karageorghis mit der Frage, ob es eine optimale Wirkung des Tempos von Musik in Verbindung mit sportlicher Aktivität gibt. Es scheint so, als ob Musik mit einer Taktgeschwindigkeit von 125 bis 140 BPM die beste Wirkung erziele. Trainer können ihre Sportler in den verschiedenen Phasen ihrer Leistungsintensität auf Video aufnehmen und anschließend die Musik auswählen, die vom Tempo her zu den verschiedenen Phasen passt. Durch das Anhören von Musik mit synchronisierter Geschwindigkeit während rhythmischen und wiederkehrenden Übungen steigt die Leistung in den Bereichen der Explosivkraft, der Sprints und Sprünge sowie beim High Intensity Training (HIT) oder High Intensity Interval Training (HIIT). Mittlerweile nutzen auch viele erfolgreiche Fußballmannschaften Musik zur rhythmischen Unterstützung ihres Balltrainings.

Die Musikrichtung spielt dabei keine Rolle, solange sie beim Athleten die gewünschten positiven Emotionen hervorruft. Zahlreiche Studien belegen darüber hinaus die Verbindung von Musik und positiven Emotionen sowie bedeutsamen Erinnerungen.

Flows durch Musik

Fotos: Haloneuro.com

Fotos: Haloneuro.com

Musik fördert den sogenannten Flow-State. Mihály Csíkszentmihályi gilt als Schöpfer der Flow-Theorie. Der „Flow“ gilt als Zustand völliger Konzentration, der Körper und Geist in eine Art „Autopilot“ mit minimaler Denkleistung versetzt. „Flow“ wird von Action- und Extremsportlern, Musikern, Künstlern und Kreativen genutzt. Trainer und Athleten sprechen in diesem Zusammenhang von „The Zone“.

Im Gegenzug fördert ruhige Musik die Konzentrationsfähigkeit vor einem Strafstoß, dem Elfmeterschießen im Fußball, bei Freiwurfsituationen im Basketball oder beim Putt im Golfspiel. Csíkszentmihályi hat durch die Erforschung des Flow-Konzepts letztlich die Grundlagen des heutigen „neuro-athletic-training“ nach Eric Cobb gelegt. Spätestens nach der Fußballweltmeisterschaft 2014 ist dieses Konzept durch die Arbeit von Lars Lienhard nun auch in Deutschland ein Begriff.

Auf psycho-physiologischer Ebene reduziert Musik gerade während Therapie- sowie Trainingseinheiten die Wahrnehmung von Anstrengung, da sie die Kommunikation zwischen der Muskulatur und dem Schmerzzentrum im Gehirn teilweise blockiert sowie einen als unangenehm empfundenen Impuls der Erschöpfung durch den anregenden Reiz des Klangs ersetzt. In emotionaler Hinsicht verstärkt Musik positive Gemütszustände und reduziert negative Emotionen wie Angst, Anspannung, Erschöpfung und Nervosität vor einem Wettkampf.

Projekt „The Science behind the Belief of being a Winner“

Ausgangspunkt

Die Spieler der ersten Mannschaft des belgischen Erstligisten von KAS Eupen konnten ihre Höchstleistung meist nur in den Trainings, aber nicht in den Spielen zeigen. Die Mannschaft war nicht in der Lage, einen Rückstand im Spiel noch umzukehren. Selbst bei Spielen, in denen die Mannschaft zunächst führte, konnte das Spiel meist nicht gewonnen werden. Da die Mannschaft aber physisch in der Lage war, jede andere Mannschaft in der Liga zu dominieren, diese Fähigkeit aber nur aus der Führung heraus abrufen konnte, lag einer der wichtigsten Punkte des Coachings in der emotionalen Regulation einzelnen Spieler.

Ziel

Ziel der Methode war es, den Spielern ein schnell funktionierendes Konzept zu vermitteln, das sie in die Lage versetzt, nach Misserfolgen im Spiel schnell zu einer konzentrierten positiven Verfassung zurückzufinden.



Methode

Über einen Zeitraum von vier Wochen wurden elf Einheiten in Form eines mentalen Coachings mit 20 Spielern der Mannschaft durchgeführt. Die Spieler wurden in vier Gruppen zu jeweils fünf Spielern eingeteilt. Eine Einheit dauerte zu Beginn 45 Minuten. Später wurde diese Intervention in das Warm-up sowie Cool-down des eigentlichen Trainings integriert. Trainingsbestandteile wie die Förderung von Kraft, Technik, Taktik und Ausdauer blieben davon unbeeinflusst. Während des gesamten Trainings verwendeten die Spieler einen iPod mit spezifischer Musik. Während der Projektzeit erfolgte ein enger Dialog mit Trainern, Betreuern, Mannschaftsärzten und den einzelnen Spielern, um psychische und physische Defizite, Ziele, Wertvorstellungen und Belohnungssysteme jedes Einzelnen herauszufinden und dafür individuelle Lösungen zu finden. Unter Anleitung lernten die Spieler unterschiedliche Mentaltrainingstechniken in Bewegung und Ruhe. Ziel war, ihnen die Kontrolle über die eigenen Gedanken sowie die Methode der Entspannung und der richtigen Atmung beizubringen, um die körpereigene Beherrschung in Drucksituationen zu verbessern.

Ergebnisse

Die Kombination aus hochfrequenter Musik, positiver Codierung, Visualisierung, emotionaler Regulation und einer gezielt eingesetzten tiefen, aber ruhigen Atmung führte zu einem natürlichen Anstieg des Testosteronspiegels sowie einer Verringerung der Cortisolkonzentration im Blut der Spieler. Die teilnehmenden Sportler lernten bei dem Projekt, Spielunterbrechungen für sekundenschnelle „Resets“ zu nutzen, um dann wieder hochkonzentriert spielen zu können. Jeder Spieler konnte das Erlernte anschließend genau dann abrufen, wenn es gefordert war, und den Fokus im Training und Spiel verbessern.

Geschrieben von
Nick Sinanan | Sportwissenschaftler, internationaler Referent, Keynote-Speaker, Personal Trainer, TCM-Manual- und Sporttherapeut, Mental- und Motivationstrainer und Führungskräfte-Coach. Er ist spezialisiert auf Ernährung, Leistung und Regeneration und Gründer der Alpha-Coaching-Methode und des Konzepts „Chipping4Sport“.

 


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