Die optimale Trittfrequenz beim Radfahren

Die optimale Trittfrequenz beim Radfahren

Wirbelwind oder Kraftbolzen? 

Einfach die Kurbel im Kreis bewegen – auf den ersten Blick erscheint Radfahren technisch nicht wirklich anspruchsvoll. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, wie komplex das Zusammenspiel von Beugern und Streckern im Bein tatsächlich ist.

Auf dem Rad oder Spinning Bike ist die Trittfrequenz ein wichtiger Faktor. Die Geschwindigkeit, mit der du das Pedal kreisen lässt, hat beispielsweise Einfluss auf den Energieverbrauch. Je höher die Trittfrequenz ist, desto günstiger ist die Fortbewegung energetisch betrachtet. Beobachtet man Freizeitradler, sieht man häufig, dass eher schwere Gänge und niedrigere Trittfrequenzen gewählt werden. Möglicherweise trifft also das Gefühl nicht immer die beste Entscheidung bei der Wahl der Trittfrequenz.

 



 

Die Frequenz macht den Unterschied

Unvergessen sind die Zweikämpfe von Jan Ullrich und Lance Armstrong bei der Tour de France: Während Ullrich mit sehr langsamen Umdrehungen unterwegs war, bevorzugte Armstrong hohe Trittfrequenzen mit flüssigen Bewegungen – und gewann. Die physikalischen und physiologischen Auslegungen lassen erst einmal die Schlussfolgerung zu: Wer schneller tritt, ist vorn. Betrachtet man nur eine einzige Kurbelumdrehung, wären eigentlich die langsameren Trittfrequenzen zu bevorzugen.

Tatsächlich wäre eine Trittfrequenz von nur 60 Umdrehungen pro Minute die wohl effizienteste Trittgeschwindigkeit, wenn man den Wirkungsgrad der Muskulatur berücksichtigt – dieser ist bei dieser niedrigen Pedalgeschwindigkeit nämlich am größten. Das spiegelt sich auch häufig in den niedrigen Umdrehungszahlen der Sportanfänger wider, die meist niedrige Trittfrequenzen bevorzugen. Allerdings besteht das Radfahren zu einem größeren Teil aus einer höheren Kadenz als einer einzelnen Umdrehung oder einem Zeitraum von nur einer Minute. Erst eine Aneinanderreihung unzähliger Tretzyklen ermöglicht eben das Vorankommen. Verschiedene Gründe sprechen dafür, dass dir eine hohe Umdrehungszahl auf dem Renn- oder Triathlonrad viel mehr Vorteile bringt als niedrige Kadenzen.

 

Bessere Blutzirkulation in der Muskulatur

Während einer Kontraktion werden die Blutgefäße komprimiert und die Zirkulation des Blutes wird behindert. Die ist aber für den Sauerstoff- und Nährstofftransport wichtig. Bei hohen Trittfrequenzen sind die Phasen der Anspannung kürzer, sodass der Blutfluss innerhalb eines Muskels nur kurz gestört wird. Auch die Stoffwechselzwischenprodukte, wie z.B. das Laktat, werden über einen guten Blutfluss besser abtransportiert.

Eine Studie zeigte, dass sich der Anteil der genutzten langsamen Muskelfasern bei einer gegebenen Geschwindigkeit und einer Kadenz von 50 nicht von dem bei 100 Umdrehungen pro Minute unterscheidet. Bei der niedrigeren Trittfrequenz wurden aber zusätzlich Muskelfasern, die den „schnell zuckenden“ Fasern zugeordnet werden, rekrutiert. Diese Fasern produzieren in höherem Maße Laktat, sodass aus derselben Geschwindigkeit mehr Ermüdung resultieren kann.

 

Welche Trittfrequenz ist optimal?

Bei der Wahl der optimalen Trittfrequenz ist das Gefühl der Sportler nicht unbedingt der geeignetste Indikator. Foto: Deutsche Triathlon Union

Bei der Wahl der optimalen Trittfrequenz ist das Gefühl der Sportler nicht unbedingt der geeignetste Indikator. Foto: Deutsche Triathlon Union

Verschiedene Studien zeigen, dass die optimale Trittfrequenz – bezogen auf die Leistung – bei 100–110 Umdrehungen pro Minute liegt. In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf den optimalen biologischen und physikalischen Wirkungsgrad verwiesen. Die Durchblutung deiner Muskulatur und deine Sauerstoffaufnahme sollten in diesem Bereich ebenso gut sein wie das Verhältnis von Kraft zu Weg. Genau diese Umdrehungszahlen sind auch bei den Profis sehr verbreitet.

 



 

Niedrige Trittfrequenzen sind trainierbar

Auch wenn du davon ausgehen kannst, dass Umdrehungen um die 100/min ein guter Wert sind, spielt neben der Streckenlänge auch das Profil eine wichtige Rolle. Unklar ist außerdem, wo die individuellen Grenzen für eine „hohe“ Geschwindigkeit liegen. Einzelbeispiele von erfolgreichen Athleten, die die Rennen mit niedrigen Kadenzen gewinnen, zeigen vor allem eins: Die individuellen Voraussetzungen sind nicht zu vernachlässigen! Trotzdem kann man als Trainer seinen Sportlern empfehlen, es mit höheren Trittfrequenzen zu versuchen. Entsprechende Trainingsabschnitte mit Variationen lassen sich unkompliziert in jedes Training integrieren. Das gelingt an einer Steigung ebenso wie in der Ebene.

Auch für Berganfahrten gilt, dass höhere Trittfrequenzen empfehlenswert sind. Je steiler der Berg ist, desto langsamer können Radfahrer treten. Wenn du deine Sportler am Berg dann nicht nur im Sitzen, sondern auch mal im Wiegetritt fahren lässt, können sie ihre Muskulatur entlasten und immer mal wieder auf höhere Frequenzen beschleunigen. Gewöhne sie an die hohen Frequenzen und setze diese gezielt im Training ein.

 

Treten lernen

Damit deine Trainierenden mit hohen Trittfrequenzen fahren lernen, musst du zunächst die motorischen Grundlagen mit ihnen erarbeiten. Gerade bei Anfängern ist das Zusammenspiel aus Streckung und Beugung der Beinmuskulatur noch nicht optimal aufeinander abgestimmt. Vergleicht man Radprofis mit Amateuren, zeigt sich, dass es immer bremsende Abschnitte bei den weniger Trainierten gibt, indem beispielsweise der Fuß während des Pedalabschnittes, bei dem die Kurbel nach oben geht, auf dem Pedal „steht“ und somit bremsende Kräfte erzeugt. Auch die Rumpfmuskulatur muss erst entsprechend gekräftigt werden, um bei hohen Trittfrequenzen stabil bleiben zu können.

Die Rotationsstabilität ist dabei ein wichtiger Aspekt und sollte im Athletiktraining besonders geschult werden.

 

Frequenztraining beim Indoor Cycling

In Indoor-Cycling-Einheiten können deine Teilnehmer wunderbar das Fahren mit hohen Trittfrequenzen üben. Über die Schwungscheiben und den einstellbaren Widerstand lässt sich eine hohe Kadenz wählen. Abfolgen, bei denen hohe Trittfrequenzen in Intervallform in das Training eingebaut werden, oder auch Intervalle mit bewusst niedrigeren Frequenzabschnitten in Abwechslung mit sehr hohen Trittfrequenzen sind dabei sehr gute Übungen. Du kannst auch Trittfrequenzpyramiden in das Training einbauen; dabei wechseln sich Phasen mit hohen Umdrehungsgeschwindigkeiten mit solchen bewussten Tretens bei großen Gängen ab. Dabei sollte das Ziel sein, bei allen Frequenzen möglichst gleichmäßig und bewusst zu treten.

Im Gegensatz zu Freizeitradlern sind professionelle Fahrer meist im Bereich hoher Trittfrequenzen unterwegs.

Im Gegensatz zu Freizeitradlern sind professionelle Fahrer meist im Bereich hoher Trittfrequenzen unterwegs. Foto: Deutsche Triathlon Union

 

Spezialfall Triathlon

Da die Trendsportart Triathlon bekanntlich aus drei verschiedenen Sportarten besteht, müssen je nach Distanz und Zielstellung unterschiedliche Meinungen und Studienergebnisse zum optimalen Treten diskutiert werden. Dabei gilt, dass die Radstrecke als Zubringerleistung für das Laufen zu sehen ist. Letzteres ist, bezogen auf das Gesamtergebnis, dabei ein sehr wichtiger Abschnitt. Umso bedeutsamer ist es, mit möglichst geringer Ermüdung vom Rad abzusteigen; nur so kann man auf der Laufstrecke die bestmögliche Leistung abrufen. Wir müssen uns also fragen, unter welchen Bedingungen die Laufleistung am besten abgerufen werden kann.

Diskutiert wird dabei, dass eine hohe Trittfrequenz auf der Radstrecke auch eine höhere Schrittfrequenz auf der Laufstrecke ermöglicht.3 Das wird damit begründet, dass über eine längere Zeit ausgeführte Bewegungsmuster auch im Anschluss unbewusst für andere Belastungen übernommen werden.

Egal, ob deine Kunden das Rad einfach für ihr Ausdauertraining nutzen oder ob sie sportliche Ambitionen bei Triathlon oder Radrennen haben: Von einem breiten Spektrum an Übungen zur Trittfrequenz im Training profitieren sie in jedem Fall.

 



 

Quellen:

1 European Journal of Applied Physiology, 1992, Bd. 65, S. 360–365.
2 Medicine and Science in Sports and Exercise, 2002, Bd. 34 (9), S. 1518–1522.

 

Den vollständigen Artikel findest du in dem Trainer-Magazin 2/17, geschrieben von
Dennis Sandig | Der Sportwissenschaftler arbeitet als Referent für Bildung bei der Deutschen Triathlon Union. Dort ist er für die Aus- und Fortbildung der Trainer im Leistungssport verantwortlich.

 


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